Zwischen Himmel und Hölle
von Thorsten Jacobs, 2007



Der Kilimandscharo ist mit 5895 Metern der höchste Berg Afrikas. Ein strammer Spaziergang, lockt die Werbung. Vier Otto-Normal-Sportler aus Nellingen, Denkendorf, Uhingen und Gerlingen haben es geglaubt und sich auf den Weg gemacht. Doch die als spannender Ausflug mit einer Prise Abenteuer gebuchte Reise entpuppt sich als harte Bergtour im Expeditionsstil. Und der Gedanke an Aufgeben als bittersüße Verlockung.

Zum ersten Mal fällt uns die Kinnlade am Vorabend der Tour runter. Wir sind in der Stadt Moshi in Tansania, am Fuße des Kilimandscharo. In der Lodge unseres Veranstalters Afromaxx haben wir eine Gruppe aus der Schweiz kennen gelernt. Deren Teamleiter Heinz-Rudi erzählt, er habe zur Vorbereitung den Mont Blanc bestiegen. Die Viertausender der Alpen sind quasi sein Wohnzimmer. Oh je. Wir haben unsere Bergschuhe am Uracher Wasserfall ausprobiert. 4808 Höhenmeter gegen 623. Sind wir überhaupt bereit?

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Wether you will kill the Kili, or the Kili kills you!
Zwei LahnLaender am höchsten Gipfel Afrikas

 





22. Februar 2006, Anreise

Flug mit Condor DE2264, Direktflug nach Arusha Kilimanjaro Airport - ja so was gibt's wirklich. Nach rund 8,5 Stunden ist man relativ entspannt mitten in Tanzania, Ostafrika.
Alexander von unserem Touroperator Afromaxx holt uns am frühen morgen vom Airport ab und schon auf dem kurzen Transfer zum "Basislager" in der Stadt Moshi zeigt sich der Kilimanjaro in voller Pracht. Durch die Entfernung von rund 40-50km sieht der Berg gar nicht so hoch aus, das sollte sich aber noch ändern. Es folgt ein Tag der Vorbereitung in Moshi, will heissen Nachfragen bei Kilibezwingern wie's war, einigen Einkäufen und Besichtigungen in der Stadt, Tourbriefing und Packen der notwendigen Bergausrüstung. Leider gibt's wegen der langanhaltenden Trockenheit der letzten Wochen bis 22:00 Uhrr keinen Strom, sodaß wir die Akkus unserer Digitalkameras noch nachts aufladen müssen.



23.2.2006, Im Grunde unentschuldbar!

7:00 Uhr aufstehen, letzte Rasur und Dusche, Frühstück und letzte Ausrüstungskontrolle. Gegen 8:30 kommt der Kleinbus mit unserem Team (den Trägern Augustino, Matthew, Polly Carp und Lemany, dem Koch und Assistant Guide Faustino und Guide Praygod) und dann geht's zum Kilimanjaro National Park, Machame Gate. Unterwegs erledigt der Koch die letzten Einkäufe von Obst, Gemüse und Fleisch. Am Parkeingang dann die obligatorische Registrierung. Während sich die Träger jeder rund 20kg Gepäck + eigene Ausrüstung aufpacken, gehen wir mit leichtem Tagesgepäck um 10:00 Uhr los auf den Wanderweg der Machame Route. Die stetig wachsende Höhe und die Bewegung löst einiges an eingeklemmten Flatulenzia Vulgaris aus unseren, speziell aber Erich's, Eingeweiden. Im Angesicht der grandiosen Natur des Bergregenwalds und der danach beginnenden Heidezone "im Grunde unentschuldbar", wie er meint, aber alles muss raus! Nach 6 Stunden sind die ersten 1300 Höhenmeter geschafft und wir befinden uns im Machame Camp auf 2990m Höhe. Hier werden die Zelte aufgeschlagen, es gibt Nachmittagstee (= heisses Wasser mit Teebeuteln, Instantkaffee und Milo, dazu Erdnüsse und Popcorn), dann etwas später reichlich Abendessen, danach folgt die ausführliche Reflektion des vergangen Tages mit dem Guide. Und dann ist es stockdunkel und es geht ab in die Heia. Dieses Ritual wird sich von nun an die nächsten Tage so wiederholen.



24.2.2006, Mad man walking

Gegen 7:00 Uhr aufstehen. Die Nacht war doch ziemlich kalt, denn rund um das Zelt ist das Gras teilweise noch mit Reif bedeckt. Dann Minimalwäsche mit einem kleinen Schüsselchen lauwarmen Wassers, üppiges Frühstück mit Toast, Erdnussbutter und Marmelade, Rührei mit gebratenen Würstchen, Porridge, frisches Obst. Gegen 8.00Uhr kommt Praygod und bestimmt: "Nichts vergessen? Gehen!" Es geht auch gleich knackig bergauf, einige Trekker und viele Trägertrupps überholen uns, aber abgerechnet wird ja erst am Ende. Zunächst wandern wir noch durch die mannshohen Erikazeen der Heidezone, dann verringert sich die Vegetation mehr und mehr. Einige kleinere Kletterpassagen sind zu bewältigen. Wir erreichen die Nebelzone, es wird deutlich kälter, beginnt zu heftig regnen und zu graupeln. Wir finden Unterschlupf in einer Lavahöhle. Total durchgeknallt, zu Hause würde man bei so einem Wetter keinen Fuß vor die Tür setzen. Praygod kratzt an den Wänden der Höhle auskondensiertes Soda ab, "traditionel chaggamedicine", eine Art Bittersalz, also Abführmittel. Nachmittags erreichen wir das Shira Plateau, die Träger haben schon die Zelte aufgebaut und wir befinden uns auf 3840m Höhe im Shira Camp, so hoch war noch keiner von uns beiden. Erste leichte Kopfschmerzen stellen sich ein, ich friere ein wenig und bin matt. Aber das heisse Milo (=afrikanisches Nesquickpulver) des Nachmittagstees bringt mich wieder hoch. Zwischenzeitlich laden heftige Graupelfälle eine Eisschicht auf dem Zelt ab, von unten drückt das Wasser durch den Zeltboden. Die Nacht wird kalt, feucht und lang. An viel und guten Schlaf ist in der Höhe schon nicht mehr zu denken.



25.2.2006, Headache

Wieder Minimalhygiene, feucht klammes Frühstück und eine Aspirin, heute warme Kleidung und Abmarsch zur nächsten Etappe über den Lava Tower zum Barranco Camp. Der Barranco ist ein langer unwirklicher Lavageröllhang, steigt ständig an und nach kurzer Zeit Sonnenscheins haben uns die Wolken aus dem Tal eingefangen. Irgendwann reißen wir die 4000m Höhenlinie. Zusammen mit anderen Trekkern formieren wir uns zu einer langen Karawane, die weiter bergauf marschiert. Die steigende Höhe wird deutlich spürbar und die Aspirin vom Morgen hat schon lange keine Wirkung mehr. In meinem Kopf hämmert es, leichte Übelkeit und Schwindel stellen sich ein. Das Wetter verschlechtert sich rapide, erst Graupel, dann Schneefall. Wir ziehen alles an, was irgendwie wasserabweisend ist und erreichen dann das Lava Tower Camp in 4600m.

Die Guides verdrücken sich schnellstens in irgendwelchen Zelten und rauchen "Sportsmen" Zigaretten. Wie kann man sich für eine Zigarettenmarke nur so einen Namen einfallen lassen und wie kann man in dieser Höhe rauchen? Mir würde in diesem Falle wohl augenblicklich die Schädeldecke abgesprengt werden. Wir armen Bergwanderer müssen zu Akklimatisierungszwecken hier nun 15-20min in Schnee und Kälte ausharren, bevor wir dann weiter zum Barranco Camp in 3965m absteigen. Der Hang vom Lava Tower herunter ist furchtbar. Loses Geröll und von den Niederschlägen rutschige Passagen erfordern jegliche Konzentration, wir sprechen fast nichts mehr und nach der ersten richtigen Höhenerfahrung habe ich ziemlich weiche Knie und eine matschige Birne. Weiter unten öffnet sich der Hang in ein wunderschönes Tal mit übermannshohen Senecien und Lobelien und auf einem Plateau liegt vor uns das Barranco Camp. Der Kili zeigt sich aus den Wolken und quasi als Entschädigung für die Strapazen und zum Trocknen der durchnässten Klamotten kommt die Sonne hervor.

Zum Abendessen gibt es Chaggaeintopf und Praygod hält uns eine Standpauke wegen des am Vortag zum Frühstück verschmähten Porrigde "Porridge is a powerful food, no Porridge, no summit". Ich bin eh noch ziemlich breit von dem vergangenen Tag und lasse ihn gewähren. Abends im Schlafsack habe ich regelrechte Pulsattacken, wohl auch leichtes Fieber und mir kommen erste Zweifel, ob ich das Ganze wirklich durchstehen kann!



26.2.2006, Breakfast Trail

Die Nacht ist wie schon gewohnt, Schlaf kann man das auf 4000m nicht mehr nennen. Einzelne Phasen relativer Ruhe wechseln sich mit Unruhe ab. Man wälzt sich von einer Seite auf die andere und der Puls donnert bei jeder Wende. Draußen regnet es wieder, mit zweilagigem Schlafsack und Sloggi long long ist es drinnen aber schön mollig warm. Morgentoilette und Frühstück ist schon Routine, heute dann wieder mit Porridge, dem widerlichen schleimig, bräunlichen Schlambes. Wir strecken das Zeug mit Milo, damit es für uns genießbar wird. Als ich später dann noch die Ingredentien des Porridge erfahre (unter anderem Hafer-oder Maismehl, gemahlene Bohnen und pulverisierter Trockenfisch) wächst meine Abneigung weiter. Aber scheinbar ist doch jede Menge Power drin, denn die Träger trinken das Zeugs zum Frühstück suppentassenweise und die Jungs sind alle topfit.

Die Breakfast Wall steigt sofort runde 400m fast senkrecht an. Leider hat die Batterie des Höhenmessers schon den Geist aufgegeben, so daß ich die Passagen nur noch schätzen kann. Oben in der Wand bewegen sich einige bunte Pünktchen, das sind die bereits vorauseilenden Träger der Teams, die mit 20kg auf dem Kopf oder Buckel wie die Bergziegen freihändig dem "Breakfast" hoch eilen. Für uns ist das kein Zuckerschlecken. Nicht unbedingt technisch schwierig, aber an einigen Passagen sind doch alle Viere und wirkliche Trittsicherheit gefragt. Eine Unsicherheit oder Konzentrationsmangel, vor allem wenn es geregnet oder geschneit hat und alles nass ist, könnten hier fatale Folgen haben.

Dann der Abstieg ins Karanga Valley, der Trail ist hier in beiden Richtungen stark frequentiert, denn das ist die letzte verfügbare Wasserstelle auf dieser Kiliroute und vom Karanga Camp her kommend sind ständig Träger unterwegs, die frisches Wasser holen müssen. Das sind fast ausschließlich die Frischlinge in den Trägerkolonnen, denn es besteht eine ausgeprägte Hackordnung. Der Niederste muss all die Scheissarbeit machen (bei uns ist das wohl der kleine Lemany), und erst nachdem man sich als Träger hochgedient hat, kann man dann irgendwann zum Assistant Guide oder gar Guide werden. Aus dem Tal heraus geht's zum Ende der Etappe nochmals steil bergauf zum Tagesziel, dem Karanga Camp in 3970m. Es ist erst 13:00 Uhr, Faustino hat schon in Fett ausgebackenen Toast und Bratkartoffel gemacht, köstlich!

Nachmittags steigen wir dann nochmals 200-300m weiter hoch, oberhalb des Karanga Camps. Die Sonne scheint und es ist angenehm warm. Der Kili verhüllt sich sich trotzdem meistens in Wolken, aber man hört regelmäßig das Gepolter der Steinschläge die sich aus dem dem Steilhang oberhalb des Karagna Valley lösen und herunterstürzen. Erich hat sowieso kaum Probleme mit der Höhe und auch mir geht's richtig gut, ich schöpfe wieder Zuversicht, dass ich den Gipfel erreichen werde.

Abends dann noch das tägliche 10-Gänge Menu serviert von unserem Agustino. 1. Gang Plastikfolie, 2. Gang Tischdecke, 3.Gang Geschirr und Besteck, 4. Gang Teewasser, 5. Gang Suppe, 6. Gang Hauptgericht, 7.Gang Obst, 8.Gang Abräumen, 9. Gang Geschirr abräumen, 10. Gang Tischdecke etc. Den 11.Gang oder das Nachdenken nach dem Essen machen wir dann selber auf der Latrine, im Karanga Camp wirklich eine mit grandioser Aussicht: linker Hand der Kiligipfel, rechts Blick in die Ebene auf die brodelnden Wolkentürme der einsetzenden Regenzeit.



27.2.2006, Out of Africa

Heute stehen wir schon vor Sonnenaufgang auf, um denselbigen bei außergewöhnlich guten Wetter- bedingungen und das langsame Eintauchen des Kiligipfels in die morgendliche Sonne zu genießen. Dann buisness as usual, Katzenwäsche, Frühstück, 11. Gang und der Aufbruch zur nächsten Etappe. Heute wird's dann langsam ernst, einen Tag vor dem geplanten Gipfelsturm. Die Wolken aus der Ebene ziehen sehr rasch hoch und die anfängliche angenehme warme Sonne weicht Nebel, Kälte und Nässe. Es geht immer höher und hier ist es auch das erste Mal, dass wir einige Träger überholen, die jetzt mit ihren Lasten auch etwas kürzer treten müssen. Gab es am Karanga Camp noch einige spärliche Pflanzen, so wechselt der Charakter der Landschaft oberhalb 4000m in hochalpinenes Gelände. Nur noch Geröll, von Sonne und Frost aufgesprengte Felsen, Mondlandschaft, alles eingehüllt in Nebel und in gespenstische Wolken - das ist nicht mehr Afrika, halt Out of Afrika! Das Tierleben beschränkt sich auf kleine gestreifte Nager und die allgegenwärtigen großen Rabenvögel, die sich von den Essensresten der Touris, bzw. letztere wohl auch von den Mäusen ernähren. Der Anstieg dauert nur bis Mittag, dann haben wir das Barafu Camp in 4540m erreicht. Es regnet und graupelt den ganzen Nachmittag. Jetzt ist nur noch Ausruhen angesagt, den Rucksack für den Gipfelsturm gewichtsoptimiert packen und die warmen Klamotten sowie die Stirnlampe griffbereit zurechtlegen. Durch die mangelnde Bewegung wird man überhaupt nicht mehr richtig warm und eingemummelt im Schlafsack harren wir der Dinge. Gegen 17:30 gibt's die Henkersmahlzeit und wir staunen nicht schlecht, nochmal richtiges Carboloading mit Gemüsesuppe, Spagetti Bolognese und Obst. Anschließend letztes briefing durch Praygod und Faustino, dann ab in den Schlafsack, denn um halb zwölf soll Wecken und der Start zum Finale sein.

28.2.2006, Sind wir fit!?
00:10 geht's dann richtig los. Der Himmel ist klar, aber wegen dem Neumond ist es stockfinster und wir tappen - nur etwas durch die Stirnlampen erhellt - durch die Geröllfelder aus dem Barafu Camp. Über uns nur noch der Kiligipfel und der atemberaubende äquatoriale Sternehimmel. Wir fühlen uns fit und sind guter Dinge. Nach gut einer Stunde Wegstrecke geht' s dann steil bergauf, weiter oben im Hang sieht man wie Irrlichter, die Karawanen der Stirnlampen vor uns aufsteigen. Soweit ich das zählen kann, sind 5-6 Gruppen vor uns im Anstieg, hinter uns nochmals 3-4 Teams. Mitten im Geröll bleiben unsere Guides (heute haben wir ja zwei davon, Guide Praygod und Assistant Guide Faustino) dann nochmals plötzlich stehen, wir stellen uns zusammen und beten. In Anbetracht des Vorhabens, eines guten Gelingens und ohne gesundheitliche Schäden heil wieder herunterzukommen, keine schlechte Idee.

Manchmal überholen wir eine Gruppe, manchmal eine andere uns. Gesprochen wird fast nichts, alle Luft braucht man um den Körper mit den Minimalmengen an Sauerstoff zu versorgen. Wir sind nun schätzungsweise bei 5000m angekommen. Erich fühlt sich soweit ok, ich bekomme zunehmend Probleme mit der Höhe. Allerdings dank Aspirin keine Kopfschmerzen und Übelkeit, sondern ich merke nur wir mir Schritt für Schritt der Saft aus den Beinen weicht. Alles ist wie Pudding und etwas benommen torkle ich den Zick-Zack Weg hoch. Hier erweisen sich die mitgenommenen Wanderstöcke als lebenswichtig, einige Male ist mir so schwindelig, dass ich meine, rückwärts den Berg runterzukippen. Wie soll ich das bis zum Gipfel schaffen? Viel trinken und Müsliriegel verbessern die Lage nicht wirklich, aber irgendwie beisst man sich durch, mit kleinen Schritten und vielen Pausen stemmen wir uns den Berg hinauf. Steil vor uns immer noch die Lichter der vorausgehenden Teams, der Steilhang scheint kein Ende zu haben! Vermutlich ist auch mein Verstand schon ausgeschaltet, denn unter normalen Bedingungen wäre ich wohl schon längst ausgestiegen und umgekehrt.

Auf einmal sind qualvolle 5:50 Stunden Aufstieg vorbei und wir erreichen den Kraterrand mit dem Stella Point in 5750m Höhe. Wir liegen uns in den Armen, damit ist der Kili offiziell schon bezwungen. Nach kurzer Rast kehren auch meine Lebensgeister und Kräfte zurück und wir brechen auf zum Gipfel, dazu geht die Sonne auf und taucht die die massigen fast 40m hohen Eisfelder und den tiefgefrorenen Kraterboden in fahles Morgenlicht. Nach 6:30 Stunden stehen wir ganz oben auf dem Uhuru Peak 5895m. Gigantisch! Es ist schon etwas belebt und zum Gipfelfoto muss man kurz anstehen. Der Versuch den LahnLaender Aufkleber auf dem Holzschild zu hinterlassen misslingt leider, er klebt in der Kälte und auf dem reifbedeckten Holz einfach nicht. In dem ganzen Trubel verliere ich etwas den Überblick und entferne mich einige Schritte von dem Geschehen. Nach wenigen Metern für mich alleine begreife ich erst richtig was wir hier vollbracht haben, die ganze Anspannung fällt von mir ab und ich beginne für eine kurze Zeit zu heulen wie ein kleines Kind, das muss in dieser Situation auch für einen "Babou" schon mal erlaubt sein.

Die Sonne scheint hier oben erbarmungslos, die Sonnenbrille und Schutzcreme tun gute Dienste und wir ruhen noch etwas abseits des Uhuru Peaks. Nach knapp einer Stunde gehen wir langsam zurück und steigen die gleiche Route zum Barafu Camp ab. Im Morgenlicht sieht man nun wo wir eigentlich hochgestiegen sind und ich wage zu behaupten, bei einem Aufstieg bei Tagessicht würden von den 50%, die überhaupt hier hochkommen nochmals die Hälfte aussteigen. Der Abstieg ist mit den weichen Knien fast so anstrengend, wie der Aufstieg, aber das ist jetzt egal, es gilt nur noch schnellstens zurück zum Camp. Gegen 10:00 morgens treffen wir dort ein und Augustino begrüßt uns mit einem Orangensaft. Ich schmeiße mich sofort ins Zelt und falle für mindestens eine Stunde lang in einen komaartigen Erholungsschlaf. Gegen 13:00 Uhr geht's in die zweite Abstiegsetappe mit nochmals 1700 Höhenmetern. Zuerst durch die Geröll- und Mondlandschaften bis zu dem einsamen Millenium Camp, danach durch die fantastische Heidelandschaft beiderseits der Mweka Route. Der Weg ist hier zwar nicht mehr so steil, aber stark erodiert und hat hohe Felsstufen, Wurzeln und glitschige Steine. Das gibt uns den Rest zur weiteren körperlichen Erschöpfung. Zu allem Überfluss regnet es ständig, es ist neblig und weder Kopf noch Kamera mögen wirklich etwas von der Umgebung aufnehmen. Nach 3:30 langen Stunden und total durchnässt ereichen wir das Mweka Camp 2835m. Das Zelt steht schon und nach kurzer Ruhe, noch vor dem Diner gibt's erst mal eine Runde gutes Kilimanjaro Bier, das ham' wir uns verdient!



01.3.2006, Abstieg

Dies Nacht habe ich erstmals wieder richtig durchgeschlafen, herrlich! Draußen ist es zwar ungemütlich und feucht, aber warm, also kommen heute wieder die kurzen Hosen an. Meinen Lettow-Vorbeck-Hut, den ich über Nacht in einem Baum zum Trocknen aufgehängt hatte, ist verschwunden. Hat wohl irgendwie Beine bekommen, aber Praygod hatte uns ja immer davor gewarnt, nichts draußen herumliegen zu lassen. Heute geht's dann die letzten 1300 Höhenmeter runter bis zum Mweka Gate, auf den guten Wegen eher ein Spaziergang. Schon nach kurzer Zeit tauchen wir wieder in den Regenwald ein, der seinem Namen heute alle Ehre macht. Hohe Bäume mit langen Bartflechten, übermannshohe Farne, jede Menge Kletterpflanzen, aber außer einpaar Vögeln keinerlei Getier, aber halt viel Regen. Auch die schwarz-weißen Colobush Affen, am ersten Tourtag noch zahlreich zu sehen und zu hören, verziehen sich bei Regen und Kälte und kuscheln sich in irgendwelchen trockenen Plätzen zusammen, wie die Menschen normalerweise auch. Das können wir erst gegen Mittag, nachdem wir das Gate ereicht haben. In dem kleinen Gebäude ist Souvenirverkauf, Restaurant, Urkundenbüro und irgendwie auch Klo. Alle Bergwanderer drängen sich um den Schalter an dem die Gipfelzertifkate ausgestellt werden, einige der Leute kennt man oder hat sie zu mindestens irgendwo mal während der letzten Tage gesehen. Schnell kommt dann unser Bus und wir fahren eine aufgeweichte abenteuerliche Piste weiter talabwärts. Erst hinter dem Dörfchen Mweka ist die Straße wieder asphaltiert und normal befahrbar, dann sind wir auch Ruckzuck im Rose Home. Unsere Träger verziehen sich schnell, so überreichen wir Faustino und Praygod die üblichen Trinkgelder und verabschieden uns herzlich. Bei Faustino speziell, denn er ist der Wundermann, der 6 bis 7 Tage lang aus fast nichts ein tägliches 3-Gänge Menu zauberte.

Ab jetzt ist relaxen und Ausrüstungspflege angesagt, Schlafsäcke trocknen, Schuhe reinigen und einige Kleidungsstücke auswaschen, wobei sich Erich in seine gute Hose noch mit Chlorreiniger einen Jack Wolfskin Abdruck einätzt. Erst nach Stunden sind wir selber an der Reihe. Ich staune, denn während der letzten sieben Tage habe ich mich so sehr an die Minimalhygiene gewöhnt, dass ich es jetzt nicht besonders eilig habe mit der Dusche. Abends gibt's dann leckeres Essen (Suppe, Boeuff Stroganow, Reis, Tomatensalat), von Msafiri, dem Koch vom Rose Home - und auch so ein Küchenzauberer -, einige Kilimanjaro Biere und die Weitergabe der neu gewonnenen Erfahrungen an gerade neu angereiste Kilianwärter



Resumee

Wer etwas sportlichen Ehrgeiz, keine Angst vor widrigen äußeren Bedingungen und dann noch etwas Wetterglück auf dem Berg hat, kann sich mit dieser Tour ein wohl unvergessliches Naturerlebnis gönnen. Beeilt euch, die Eismassen am Kili schmelzen weiter ab, die Eintrittsgebühren zum Kilimanjaro National Park zur Begrenzung der Besucherströme wachsen dafür weiter drastisch und auch die Träger und Guides brauchen für ihre Handys immer mehr Dollars. Irgendwann wird der Kili nur noch für gutbetuchte Amis, neureiche Russen und zahlungskräftige Japaner, die sich mit Leibarzt und Sänfte den Berg hochtragen lassen, bezahlbar sein.

Text:Eberhard "Babou" Lepper













Kilimandscharo - ruhige Pfade in der Regenzeit
Reisebericht von Bastian und Florian Wenk


Wir kamen am 10. Mai in Tansania an, wobei sich die Visum-Beantragung vor Ort im Vergleich zur Beantragung über die Botschaft als billiger und auch als unkomplizierter herausgestellt hat. Unseren ersten Tag haben wir im Basecamp in Moshi verbracht. So hatten wir genügend Zeit Moshi zu besichtigen (einen sehr schönen Blick auf Moshi und den Kilimandscharo hat man vom Restaurant des Coffee Tree Hotels aus), unsere Ausrüstung vorzubereiten und für ein Briefing mit Alexander.

12. Mai, 1. Tag: Machame Gate (1500m) - Machame Camp (3000m)
Nachdem unser Team (Guides: Msafiri und Godfrey; Koch: James; Träger: Eliasi und Makanja) die Ausrüstung verzurrt hatte, ging die Besteigung des Kilimandscharo über die Machame Route gegen Mittag los. Ziel der ersten Etappe war das Machame Camp in 3000m Höhe. Reichte der Ackerbau bis ans Gate, führte uns die erste Etappe fast ausnahmslos durch Urwald. Erst die letzten Meter wechselt die Vegetation hin zu einer Hochmoorlandschaft. Waren wir bislang etwas enttäuscht den Kibo aufgrund der Regenzeit noch nicht gesehen zu haben, stellte sich als unschätzbarer Vorteil heraus, dass außer uns lediglich ein weiteres 2-Mann-Team unterwegs zum Gipfel war.

13. Mai, 2. Tag: Machame Camp (3000m) - Shira Camp (3840m)
Spätestens heute auf dem zunehmend schmaleren und steileren Pfad genießt man allein am Berg zu sein. Auch die Weite der Landschaft kommt so besonders zur Geltung. Morgens sahen wir dann auch endlich zum ersten Mal den Kibo mit seinen schneebedeckten Flanken. Zudem hatte man einen wunderschönen Blick auf Mt. Meru, dessen Spitze aus dem Wolkenmeer hinausragte. Trotz reichhaltigem Frühstück hatten wir bereits nach wenigen Stunden wieder Hunger und freuten uns über unser üppiges Lunchpaket, welches wir gegen unsere einzigen Weggefährten verteidigen mussten: Raben und Mäuse. Nach insgesamt kurzen, aber anstrengenden 4 Stunden erreichten wir Shira Camp. Von hier aus hatten wir einen atemberaubenden Blick auf die Masai-Ebene. Florian hatte bereits erste leichte Kopfschmerzen, die aber schnell nachließen. Den Nachmittag verbrachten wir mit Lesen und einem kurzen Spaziergang.

14. Mai, 3. Tag: Shira Camp (3840m) - Barranco Camp (3950m)
Der dritte Tag diente der Höhenakklimatisation, wobei erstmals die 4000m Marke geknackt wurde. Beim Weg über die Junction machten wir Bekanntschaft mit den ersten Anzeichen der Höhe. Hatte ich glücklicherweise nur leichte Kopfschmerzen, kämpfte Florian mit starken Kopfschmerzen und Übelkeit. So waren wir froh, dass der Abstecher zum Lava-Hut den schlechten Sichtbedingungen an der Junction zum Opfer fiel. Auch so zog sich der Weg scheinbar endlos durch Täler und karge Mondlandschaften, die wir mittlerweile ganz allein passierten, da die andere Gruppe vorausging und die Tour um einen Tag verkürzte. Bereits im Barranco Camp zeigte uns Godfrey das "Breakfast". So stand für den nächsten Tag quasi zum Frühstück ein einstündiger Aufstieg von 3900m auf 4600m an.

15. Mai, 4. Tag: Barranco Camp (3950m) - Barafu Camp (4600m)
Der bereits angekündigte Aufstieg war der insgesamt anspruchvollste, aber auch der schönste Tourabschnitt. Nachdem wir unser "Frühstück" erfolgreich hinter uns gelassen hatten, folgte ein stundenlanges Auf und Ab parallel zum Kibo. Circa eine Stunde vor Erreichen des Camps bot sich die letzte Möglichkeit zum Auffüllen unseres Wasservorrats, der die nächsten eineinhalb Tage reichen musste. Da im direkten Anschluss an den Bach ein steiler Anstieg folgte, musste Elias, nachdem er das Gepäck den Berg hinauf getragen hatte, wieder zurück um den Wasserbehälter zu füllen. In der Zwischenzeit machten wir unsere Lunchpause, während derer ein leichter Nieselregen einsetzte. So mussten wir die letzten 30-40 Minuten zum Camp in Regenkleidung zurücklegen (zum Glück war das der einzige Regen auf unserer Tour). Im Barafu Camp angekommen, sind wir völlig erschöpft ins Zelt gesunken, wobei wir uns zum damaligen Zeitpunkt (etwa gegen 15 Uhr) ein Weiterwandern um Mitternacht nicht vorstellen konnten. So sehr machte sich die Anstrengung und Höhe bemerkbar. Besonders Florian kämpfte wieder mit starken Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen.

16. Mai, 5. Tag:
Barafu Camp (4600m) - Uhuru Peak (5895m) - Mweka Camp (2850m)

Obwohl wir erst gegen zwölf Uhr geweckt werden sollten, machte sich bei mir die Aufregung des bevorstehenden Aufstiegs bemerkbar und so lag wach im Zelt und fieberte dem Start entgegen. Nachdem wir dann gegen zwölf geweckt worden waren, ging es bei sternenklarem Himmel um viertel vor eins endlich los. Da jedoch der Mond nicht schien waren wir insbesondere während der ersten Stunde auf unsere Stirnlampen angewiesen, da es durch ein Steinfeld ging. Entgegen besserer Ratschläge nahmen wir immer noch zu viel Ausrüstung mit auf die letzte Etappe. So hätte ein Liter Wasser völlig ausgereicht, da wir während des Aufstiegs keinen Durst hatten und der Abstieg sich extrem schnell gestaltet. So übernahmen Msafiri und Godfrey Florians Rucksack nach einer Stunde und meinen Rucksack nach ca. drei Stunden (nachdem ich mich bereits zum zweiten Mal übergeben hatte). Die fünf Stunden bis zum Stella's Point zogen sich wie Tage, da es scheinbar endlos Geröllhänge hoch ging. Während des Aufstiegs trafen wir nur auf ein weiteres Team, das wir schnell hinter uns ließen, obwohl auch wir pole pole den Berg hoch stiegen. Schien der Stella's Point in der beginnenden Dämmerung zum Greifen nahe, brauchten wir jedoch weitere 20 Minuten, die uns wie eine Ewigkeit vorkamen, um den Kraterrand zu erreichen.

Überraschenderweise ging es uns oben angekommen recht gut. Nachdem wir einige minutenlang den Krater und die aufgehende Sonne bestaunt hatten, drängte uns Msafiri weiter zum Uhuru Peak. Auch wenn mittlerweile jeder Schritt eine Herausforderung darstellte, war der letzte Anstieg zum Gipfel vergleichsweise angenehm und die Freude es geschafft zu haben riesig. Bei strahlendblauem Himmel waren wir um 07:05 Uhr die Ersten am Uhuru Peak.

Während wir bereits erleichtert den Rückweg antraten, begegneten uns zwei weitere Teams auf dem Weg zum Uhuru Peak. Diese sollten auch die letzten Wanderer gewesen sein, die wir auf unserer Tour trafen. Zurück im Barafu Camp begrüßte uns James mit einer Tasse Fruchtsaft und einem ausgiebigen Brunch. Nachdem wir Florian zum Weitergehen überredet hatten, wanderten wir weiter zum Mweka Camp, indem wir unsere letzte Nacht am Kilimandscharo verbrachten. Nach der kargen Gipfellandschaft war es schön wieder im Grünen zu sein und die Wärme zu genießen.

17. Mai, 6. Tag: Mweka Camp (2850m) - Mweka Gate (1700m)
Die letzten Kilometer führten uns bei schönstem Wetter durch den Urwald. Als abschließenden Höhenpunkt sahen wir dann noch eine Gruppe Colobus Monkeys. Bereits gegen halb elf erreichten wir das National Park Gate. Nachdem wir unsere Urkunde überreicht bekommen hatten, wurden wir wieder zurück nach Moshi gefahren, wo wir uns dann von unserem Team verabschiedeten.
Insgesamt also ein rundum gelungenes Abenteuer. Sowohl die Wahl des Anbieters als auch der Zeitpunkt der Tour haben sich als empfehlenswert herausgestellt. Waren wir mit der Tourorganisation und -durchführung sehr zufrieden, sorgte insbesondere die Einsamkeit am Berg, die man so wohl nur noch in der Regenzeit erleben kann, für ein unvergessliches Erlebnis. Allein die geringe Schneemenge und die weiter schwindenden Gletscher erschrecken und geben zu Denken.

Für alle die wenig Zeit mitbringen können und somit vielleicht nur wenige Tage neben der Bergbesteigung Zeit haben, können wir einen Ausflug ins Usambaragebirge empfehlen…

Text: Florian und Bastian Wenk