Ulmer Firma
saniert ein DDT-Giftmülllager in Tansania
Jahrelang lagerten in Tansania 75 Tonnen Granulat eines Pestizids mit dem Wirkstoff DDT. Niemand wusste, was damit passieren soll. Dann hat sich eine Neu-Ulmer Firma um das gefährliche Material gekümmert. Weiter
Ein gemauerter
Sockel, ein paar Balken, damit Wellbleche und Folien befestigt werden konnten
und am Eingang das Schild mit der Warnung "Hatari" (Gefahr), daneben
ein handgemalter Totenkopf: So sehen in Tansania, Ostafrika, Giftmülllager
aus. Im speziellen Fall, in Korogwe, am Fuß der Usambara-Berge, lagerte
30 Jahre lang lose das Granulat eines verbotenen Insektenbekämpfungsmittels,
hergestellt in Tansania. Der Wirkstoff: Dichlor-Diphenyl-Trichlorethan, bekannt
unter dem Kürzel DDT. "30 Meter hinter dem Lager fließt der
Fluss Pangani, in dem viele Einheimische sich waschen oder Wasser holen",
beschreibt Ulrich Weber die haarsträubenden Zustände.
Weber ist Geschäftsführer der Firma Arstec, mit Sitz in Neu-Ulm.
Diese - im Firmennamen stecken ihre Dienstleistungen Abfallberatung, Recycling
und Sondermüllentsorgung - organisierte den Abtransport des Giftmülls.
Denn das seit 1991 bestehende Unternehmen entsorgt nicht nur Chemikalien und
Sondermüll in Deutschland, es beteiligt sich auch an internationalen
Projekten. In ganz Afrika gibt es für solch gefährliche Stoffe keine
geeignete Verbrennungsanlage. Die tansanische Umweltbehörde ist zwar
dafür zuständig, diese Altlasten im Land zu beseitigen, aber das
Know-how und vor allem das Geld kommen aus dem Ausland.
Unter anderem finanziert die deutsche Entwicklungshilfe mit 250 000 Euro das
Verpacken des Abfalls, den Überseetransport und die Entsorgung, berichtet
Weber. Arstec bewarb sich als Subunternehmer, bekam den Zuschlag, "den
Dreck vor Ort zu verpacken" (Weber) und den Transport zum deutschen Chemiepark
in Dormagen zu organisieren. Dort werden die 75 Tonnen Giftmüll und noch
mal 25 Tonnen kontaminierte Lagerreste in einem Sondermüllofen des Spezialisten
Currenta entsorgt. Projektleiter Weber kooperierte für die Aktion mit
dem Diplom-Chemiker Steffen Reich aus Neuenburg, ließ sich für
500 Euro impfen und packte vom Gabelstapler über Foliensäcke bis
zur letzten Schraube alles in zwei Equipmentcontainer.
Kurz vor der Regenzeit, im Januar, ging es los. Drei Wochen dauerte es, das
Material transportfertig zu machen. Die einheimischen Helfer hätten anfangs
große Angst vor dem Giftmüll gehabt. Als sie aber in ihrer Schutzkleidung
steckten, seien sie "tolle Mitarbeiter gewesen", lobt Weber. Das
Team verständigte sich auf Englisch, das bei Bedarf in Suaheli übersetzt
wurde. Einer der Helfer - es waren vier Moslems und vier Christen - hatte
jahrelang zu Gott gebetet, dass er bei dem seit langem geplanten Projekt dabei
sein durfte, hat sich Weber erzählen lassen. Denn nun verdiente der 52-jährige
Ostafrikaner in den zweieinhalb Wochen auf einen Schlag 350 Euro. Sonst betrage
das durchschnittliche Einkommen in dem 30 000-Einwohner-Gebiet um Korogwe
50 Euro im Monat. Die meisten sind Bauern. Aber wenn die Saat mal nicht aufgeht,
weil der Regen ausbleibt, klopfen sie Steine klein für den Straßenbau,
erzählt der Neu-Ulmer Unternehmer, den die große Armut erschüttert
hat.
Zurück zum Giftmülleinsatz: Die Männer, Weiße und Schwarze,
füllten bei Bruthitze - "gefühlte 50 Grad im Schutzanzug"
(Weber) - 1500 Plastiksäcke à 50 Kilogramm mit DDT-haltigem Granulat,
schleppten sie in eine Entseuchungsschleuse und hievten sie dort in 700 Kilo
aufnehmende Big Bags. Diese wurden in neun Schiffscontainern verstaut und
nach Hamburg transportiert. Auch die Lagerstätte selbst wurde abgerissen.
Direkt neben ihr befindet sich eine Mikrokreditbank für Frauen. Balken
und Mauerwerk werden ebenfalls in Dormagen verbrannt. Der kontaminierte Boden
wurde abgetragen und die verseuchte Fläche mit 2000 Litern Natriumcarbonat
"gereinigt". Die Wellbleche wurden sorgfältig abgewaschen,
seien aber als willkommene Bauteile für die Hütten in Korogwe dageblieben.
Nach getanem Arbeitseinsatz wurden zur Feier dieses Tages zwei Hammel verspeist.
Aber das war erst der Anfang: Samuel Msangi vom Nationalen Umweltmanagement-Rat
in Tansania berichtet: Das Pestizidlager von Korogwe sei das erste Lager in
Tansania, das geräumt wurde. "Wir wissen von mindestens 120 weiteren
Lagerstätten mit insgesamt 1500 Tonnen an unbrauchbaren gefährlichen
Pestiziden." DDT gehört zu den langlebigen Umweltgiften. Es reichert
sich im Fettgewebe und damit in der Nahrungskette an. Es gilt als erbgutschädigend
und krebserregend. Produktion und Anwendung des Insektizids wurde 2004 durch
die Stockholm-Konvention verboten. Ausnahme bildet der Kampf gegen die Anopheles-Mücke,
die Malaria überträgt. In Deutschland steht DDT seit 1972 auf der
Verbotsliste. Das Insektizid ist hier und heute noch in menschlichem Blut
nachweisbar. Zwei Mitarbeiter der nationalen Umweltbehörde waren jedoch
bei Webers Pilotprojekt dabei und sammelten Erfahrungen, wie Giftmüll
verpackt werden muss. Sie sollen künftig die Entsorgung selbst vorbereiten.
Die Kosten sind das kleinere Problem: Tansania erhalte aus dem globalen Umweltfonds
fast sieben Millionen Dollar, heißt es. Solche Altlasten gebe es auf
der ganzen Welt, sagt Weber. Der 42-jährige Vater zweier Kinder plant
deshalb, im Wechsel mit seinem Partner aus Neuenburg zwei Monate pro Jahr
im Ausland zu verbringen, um ähnliche Projekte - außer in Krisengebieten
- durchzuziehen. "Solche Aufträge sind ein weiteres Standbein für
die Firma - und jedesmal ein Abenteuer."