Die Entdeckung der Langsamkeit

Er ist der Traumgipfel vieler Menschen: nicht schwierig, aber hoch, der Höchste auf dem afrikanischen Kontinent. Sandra Zistl (Text und Fotos) hat eine Gruppe des deutschen Alpenvereins auf ihrem Weg zum 5895 Meter hohen Kilimandscharo begleitet.

Trekkingtour auf den Kilimandscharo

Das Knirschen verstummt. Die Stiefel stehen still. Die Menschen, die sie an den Füßen tragen, verharren in der Dunkelheit und lauschen. Auf den Atem der anderen und auf den eigenen. In sich hinein. Wie geht es meinem Körper? Ist mir schlecht? Schwindlig? Bekomme ich Kopfweh? Muss ich mehr trinken? Seit fast fünf Stunden arbeiten sich die Bergsteiger aus Bayern Schritt für Schritt durch die Nacht, die südliche Kraterflanke des Kilimandscharo hoch. Ein bis zwei weitere Stunden liegen vor ihnen. »Gegen vier Uhr morgens wird es zäh«, hatte Jackson Obadia, der tansanische Bergführer, vor dem Abmarsch prophezeit. Und es stimmt: Selbst die, die hören, dass der Vordermann lauter atmet als sie selbst und im Lichtkegel ihrer Stirnlampe beobachten, dass dieser aus dem Tritt gerät, können den fantastischen Sternenhimmel nicht genießen. Es ist zäh. »Jamboo, jambo bwana«, hebt Jackson an zu singen. Ein paar Meter über und unter der rastenden Gruppe stimmen seine Kollegen mit ein, klatschen und singen den Kilimandscharo-Song in die Stille und die klare Nacht hinein. Auf 5500 Metern Höhe, gegen vier Uhr morgens, kommt das selbst für eine Alpenvereinstruppe überraschend, die die Tansanier tagsüber in Sangesfreude übertrumpft. Nur zwei von zwölf klatschen mit, allen anderen können die Bergführer zumindest ein Lächeln ins Gesicht zaubern. »Geht es euch gut?«, ruft Jackson. Schwindel in der Hohe Seit zehn Jahren führt er als staatlich geprüfter Guide Touristen auf Afrikas höchsten Gipfel. Der 35-Jährige weiß, wie es den Leuten geht. Schon ab dem dritten Tag kann er absehen, wer es auf den Uhuru

»Ich habe als kleines Mädchen im Fernsehen Bilder vom Kilimandscharo gesehen. Ich wusste, da will ich mal rauf.«

Der Sehnsuchtsberg: Trekkingtour auf dem Kilimandscharo

Peak (5895 m) schaffen wird und wer nicht. Seine Frage ist höflich, sie dient der Motivation. Doch Jackson kennt die Antwort bereits, oft besser als der Befragte. »Mir geht es gar nicht gut«, meldet sich eine Frau zu Wort. Ihre Stimme ist erregt, denn sie tut, was die Bergführer raten, in größeren Gruppen allerdings nur wenige befolgen: Sie gibt zu, dass sie sich nicht wohl fühlt. »Mir ist schwindlig, schon länger. Ich kann nicht auf den Gipfel gehen.« »Du musst mehr trinken«, entgegnet Jackson ruhig, »du kannst weitergehen.« Schwindel sei nicht schlimm, Gleichgewichtsstörungen schon. Er hat die 48-Jährige wie alle anderen seit sechs Tagen beobachtet und auch in den vergangenen Stunden. »Ich habe Familie, ich kann nichts riskieren«, widerspricht die Frau. Ihre Augen funkeln Jackson an. Der bleibt gelassen. »Ndessario wird deinen Rucksack tragen. Sei unbesorgt. Du gehst kein Risiko ein, wenn du weitergehst.« Die Bergsteigerin gibt ihren Rucksack ab, trinkt und geht weiter. Atmung, Gang, Gesprächsverhalten. Blick, Gesichtsausdruck, Appetit, all das sind Zeichen, die die Bergführer zu lesen wissen.

Ihr Job ist jedoch nicht nur, die Höhentauglichkeit der Kunden besser einzuschätzen als diese, den Weg zu weisen, zu motivieren, sich um Probleme zu kümmern und das Trägerteam zu koordinieren. Sie müssen auch gar nicht so selten den Ehrgeiz der Touristen in Schranken weisen. Denn der Kilimandscharo ist nicht einfach irgendein hoher Berg. Er ist ein Sehnsuchtsberg der Europäer und Amerikaner. Höchster Berg Afrikas – und in unrühmlichen Kolonialzeiten als »Kaiser-Wilhelm-Spitze« kurzzeitig sogar höchster Berg Deutschlands. Der größte freistehende Berg der Welt. Einer der Seven Summits. Wer ihn bezwingt, durchschreitet sämtliche Klimazonen der Erde. Und dann ist er auch noch technisch einfach. Also ein greif bares Ziel und somit Lebenstraum vieler Hobbybergsteiger. Jedes Jahr wollen 35 000 bis 40 000 von ihnen auf seinen Gipfel, den Uhuru Peak. Etwa 75 Prozent schaffen es. Der Sehnsuchtsberg »Ich habe als kleines Mädchen, mit fünf Jahren, im Fernsehen Bilder vom Kilimandscharo gesehen«, erzählt eine der Teilnehmerinnen am vierten Tag beim Frühstück. »Ich wusste, da will ich mal rauf. Jetzt hat es halt 43 Jahre gedauert«, sagt sie und lächelt. Sie will auf den Gipfel, klar. Aber nicht um jeden Preis. Die Mutter von zwei Kindern ist mit elf weiteren DAV-Mitgliedern aus Peiting und Schongau unterwegs auf der Machame-Route, einem siebentägigen Zelt-Trekking. Seit Jahren geht die Truppe in wechselnder Besetzung gemeinsam in die Berge. Die Jüngsten sind unter 30, die Ältesten über 70 Jahre alt. Ungefähr alle zwei Jahre nehmen sie sich ein großes Ziel vor, das Herwig Skalitza, zweiter Vorsitzender der Sektion Peiting, vorschlägt. Im Everest-Basecamp waren sie schon und mehrmals in der nepalesischen Himalaya-Region. Und sie bereiten sich auch gemeinsam auf die Pässe und Gipfel über 5000 Meter vor.

Vom Regen durchnässt

Alles erfahrene Bergsteiger also, denen ein bisschen Regen normalerweise nicht die Laune verdirbt. Trotzdem ist die Stimmung am dritten Abend gedrückt. Eine Akklimatisierungstour – vom Shira Camp (3845m) auf den Lava Tower (4640m) und wieder hinab ins Barranco Camp (3960m) – liegt hinter ihnen. Und ein kleiner Härtetest, den der »Kili« ihnen auferlegt hat. Ausgerechnet als alle einen Stein zum Sitzen gefunden und ihre Brotzeit-Box geöffnet haben, setzt mittags der Regen ein. Den angeknabberten Hühnchen-Flügel in der einen Hand, kramen die fettigen Finger der anderen nach Regenjacken und -hosen. Was jetzt? Erst essen oder erst anziehen? Was ist besser: Von außen durchweichen oder unter dem Regenschutz schwitzen? Wer sich für die erste Variante entscheidet, wird das am Ende des Tages bereuen. Denn der Regen wird nicht mehr aufhören. Der Höhepunkt der Etappe, der Lava Tower, steckt in so dichten Wolken, dass er sich gar nicht wie ein Gipfel anfühlt. Alle haben nur einen Gedanken: ankommen, den Schutz der Zelte suchen und heißen Tee trinken. Denn natürlich sind die Träger auch an diesem Tag schneller als die Touristen. Als die das matschige Camp erreichen, stehen die Thermoskannen im Essenszelt schon bereit, die Reisetaschen liegen in den Vorräumen der Zweier-Schlafzelte. Auf 3960 Metern ist das ein Luxus. Es fühlt sich aber trotzdem anders an, als jetzt in einer Hütte mit Kachelofen zu sitzen. Bei einem ist der Schlafsack nass geworden, weil er ihn am Morgen noch getrocknet und dann in letzter Sekunde ohne Plastiktüte drumherum in die Tasche gesteckt hatte; bei vielen hat die Regenjacke nicht dichtgehalten; bei einer Teilnehmerin ist ausgerechnet jene Hose nass geworden, die sie in der Nacht des Gipfelaufstiegs tragen wollte. Die wärmste. »Das war halt die, die ich im Rucksack

Anfangs gab es keine Zelte für die Träger. Sie zogen sich nachts in Höhlen und unter Felsvorsprünge zurück und machten mit feuchtem Holz Feuer.

>Weitere vier Nächte im Zelt auf 4000 und 4600 Metern liegen vor der Gruppe.

Was, wenn es weiter regnet? Es ist ungewöhnlich still beim Abendessen. Keiner singt. Pole, pole »Gestern Abend, da hab ich mich schon gefragt, ob das was werden kann«, sagt einer der Peitinger am nächsten Morgen beim Frühstück. Er lacht, und die Morgensonne lässt sein fröhliches Gesicht noch mehr strahlen. Die Regenwolken haben sich verzogen, vom Berg und aus den Köpfen der Bergsteiger. Es ist so warm, dass sie ihr Camping-Frühstück im Freien einnehmen können. Zur Linken mit Blick auf den Kibo- Krater, den sie zwei Tage später erklimmen wollen, zur Rechten, unterhalb, liegt ein endloser, dicker Teppich aus Wolken. An diesem Morgen stellt es sich plötzlich ein, das Gefühl, auf den höchsten Berg eines ganzen Kontinents zu gehen. Zuvor hatte erst das dichte Grün des Regenwalds, dann der Nebel und dann die Regenwolken den Blick verwehrt. Schlafsack, Kleidung, Zelte, alles wieder trocken. Jetzt kann er kommen, der Gipfel. »Pole, pole«, immer schön langsam, mahnt Daudi. »Ihr wisst, am hohen Berg gewinnt die Schildkröte.« Der 54-Jährige ist vierfacher Familienvater und arbeitet seit 16 Jahren als Guide. Er erinnert sich noch gut an Zeiten, in denen kein gebauter Weg durch den Regenwald führte, sondern ein matschiger Pfad. Damals gab es keine Zelte für die Träger. »Uuuuuh, war das ein Dreck«, ruft Daudi aus und legt den Kopf grinsend in den Nacken. Er erzählt, dass sie sich nachts in Höhlen und unter Felsvorsprünge zurückgezogen und mit feuchtem Holz Feuer gemacht hätten. Und da er nie um eine Pointe verlegen ist, fügt er hinzu: »Wir waren noch schwärzer als wir eh schon sind.« In der Führungsrolle wechselt sich Daudi mit seinem jüngeren Kollegen Jackson Obadia ab. Der blickt mit 35 Jahren bereits auf 21 Jahre Kili-Erfahrung zurück. Mit 14 Jahren fing er an, in den Ferien als Träger zu arbeiten, um sich sein Schulgeld selbst zu verdienen. Ein Alter, in dem heute niemand mehr die 20 Kilo schweren Gepäckbündel tragen darf. Jackson ist das jüngste von sechs Kindern und der Bürojob des Vaters warf nicht genug ab, um allen die Highschool zu finanzieren. Mittlerweile hat er selbst zwei kleine Kinder und spart das Geld, das er als Guide verdient, für ihre Schulausbildung. »Es ist ein harter Job, aber ein sehr guter Job«, sagt er.

Die Gipfelnacht nach der Trekkingtour auf den Kilimandscharo

Die Gipfelnacht Gut ist er auch, weil beide seit Jahren mit dem Veranstalter Afromaxx zusammenarbeiten. Beide Seiten sind froh um die Verlässlichkeit des anderen. Eine so große Gruppe sei sehr selten, erzählt Jackson. Normalerweise führten sie zwei bis sechs Touristen auf den Kilimandscharo. Da der Veranstalter – anders als manche seiner Konkurrenten – sehr verantwortungsbewusst mit der Aufgabe umgeht, Europäer in sechs bis sieben Tagen auf einen Fast-Sechstausender zu bringen, hat er für die zwölfköpfige DAV-Truppe entsprechend aufgestockt: vier Guides, zwei Guide-Assistenten, zwei Köche, zwei Kellner und 33 Träger, von denen viele auch bereits mehrere Jahre Erfahrung am Berg haben. Der großzügige Betreuungsschlüssel zahlt sich aus, als zwei Teilnehmer samt Träger vorher absteigen müssen. Einer, weil er ein wichtiges Medikament verloren hat, der andere wegen Höhenkrankheit. In der Gipfelnacht sind trotzdem genug Guides verfügbar, um die Gruppe in zwei Züge aufzuteilen: langsam und noch langsamer, »pole, pole«. Die Frau, die über Schwindel geklagt hatte, wird von Jackson in die erste Gruppe gesteckt. Zwei Stunden später steht sie in der Morgensonne am Uhuru Peak. Ohne Schwindel, ohne Kopfweh. Es ist die, die vor 43 Jahren beschlossen hatte, eines Tages hier oben zu stehen. »Du hattest recht«, sagt sie strahlend zu Jackson, »wäre schade gewesen, wenn ich vorher umgekehrt wäre. Danke.

01 ⁄14 Bergsteiger

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